Präsidentenwahl 2012: Warum Amerika nur dienstags wählt

Das Kapitol in Washington DC ist Wahrzeichen der amerikanischen Hauptstadt und zugleich Symbol der Demokratie (Foto: Werner Claasen)

Die Europäer in der „Alten Welt“ sind schnell bei der Hand, wenn über Amerika geurteilt wird: Die USA unterliegen pausenlosem Wandel, wünschen ständige Veränderungen und sind ewig auf der Suche nach Neuem, was sie begeistern soll. Fantastic. Exciting. Unbelievable. Soweit das Klischee. Dabei ist das Land traditionsbewusster als die meisten Menschen denken: Es hält an Bewährtem fest wie kaum ein europäisches Land und denkt nicht daran, Strukturen zu verändern, wenn sie einmal eingefahren sind. It is like it is.

Die 2012 anstehende Wahl des US-Präsidenten zeigt erneut, dass Amerika an dem festhält, was die  junge Geschichte so hervorgebracht hat: Zum Beispiel der unverrückbare Wahltag. Obwohl die USA heute nicht mehr das sind, was sie vor über 150 Jahren einmal waren, so steht der Tag für die Präsidentenwahl unverändert in Stein gemeißelt: Es ist seit dem Jahr 1845 immer der Dienstag nach dem ersten Montag im November.  Frühestens also der 2., spätestens jedoch der 8. November.

Wir in Europa verstehen das nicht, Menschen mitten in der Arbeitswoche zur Wahlurne zu rufen. Das behindert unsere Effizienz am Arbeitsplatz. Amerika sieht das anders: Erstens, wurde der Monat November als beste Zeit für die Präsidentschaftswahl auserkoren, weil dann die Farmer die Ernte eingeholt haben. Das Klima ist, zweitens, angenehmer als im Hochsommer oder in strengen Winterzeiten, alles sprach demnach für den November, der für längere Reisen per Pferd oder Kutsche zu den Wahllokalen auf dem Kontinent erträglicher schien. Eine gute Einstellung des Kongresses des im 19. Jahrhundert 28 Staaten umfassenden Amerika, als es noch keine transamerikanischen Verbindungen zwischen Ost- und Westküste von nur fünfstündiger Flugdauer gab.

Der Keller des Kapitols (Foto: Werner Claasen)

Doch warum gerade der Dienstag als Wahltag? Die Regierung wollte sich nicht mit der Kirche anlegen, also fiel der Sonntag als Wahltag aus. Und da auch die Entfernungen zum jeweiligen Wahllokal teilweise sehr groß waren, zeigte sich auch der Montag für eine mögliche Anreise als eher ungeeignet. Samstag war auch schlecht. Denn dann war in vielen Orten Markttag, auf den man sich am Freitag vorbereitete – also fielen auch diese beiden Tage für den Wahlgang aus. Auch der Donnerstag kam nicht in Frage, da an diesem Tag die Briten ihr Parlament wählen – und diese waren bei den US-Amerikanern, gelinde gesagt, unbeliebt. Bleiben also nur Dienstag oder Mittwoch, wobei sich der Kongress für den Dienstag entschied. Bei sofortiger Rückreise nach dem Urnengang konnte man dann nach der Heimkehr sofort wieder mit den Vorbereitungen für den Markttag beginnen.

Und weil´s so schön ist, bleiben wir beim Dienstag: Da gibt es ja noch den „Super Tuesday“, also den Super-Dienstag, der immer im März des Wahljahres liegt. Dann finden nämlich in mindestens acht Bundesstaaten gleichzeitig Vorwahlen statt. Wer an diesem Dienstag als Sieger der jeweiligen Partei (Demokraten oder Republikaner) hervorgeht, wird zumeist auch Kandidat für das Amt des US-Präsidenten.

Heute wählen Amerikaner – nur etwa die Hälfte der Bevölkerung macht von ihrem Wahlrecht Gebrauch – auch ohne Anreise per Pferd und Kutsche. Es gibt – es lebe die Vielfalt! – sechs Möglichkeiten, die Stimme für Barack Obama oder Mitt Romney abzugeben: Wahlzettel zum Ankreuzen, Wahlzettel zum Lochen mit und ohne vorgestanzten Feldern, Wahlzettel zur Markierung mittels eines optischen Lesestifts, per Maschine (mithilfe eines Hebels wird wie an einem Spielautomaten über den Kandidaten entschieden), per Computer-Knopfdruck oder per Touchscreen auf dem Computer. Der US-Bürger soll also auch bei der Wahl die Wahl haben, wie er wählt. Nur eine Wahl hat er nicht – es bleibt beim Dienstag.

Werner Claasen

Über Werner Claasen

Nachdem er lange erfolgreich als Wirtschaftsjournalist und anschließend als Chefredaktur der Fachzeitschrift „touristik aktuell" tätig war, gründete Werner Claasen 1990 im Rhein-Main-Gebiet die Agentur Claasen Communication für Public Relations in der Reiseindustrie. Die Agentur betreut seit mehr als 25 Jahren nationale und internationale Firmen, Fluglinien, Zielgebiete, IT-Unternehmen und Organisationen aus dem gesamten Spektrum des Reiseverkehrs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.